Das Gartenparadies in Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Das Paradies hatfolgende Adresse: Empedastraße, 31028 Gronau. Hier, zwischen alten und neuen Einfamilienhäusern, versteckt hinter einer Garageneinfahrt, liegt es. Und es ist, wie es sich für ein Paradies gehört, grün und bunt zugleich, es ist still und dennoch voller Geräusche und Lebendigkeit, es ist riesengroß, ein kleines Universum. Das Paradies ist ein Garten und ein Park und ein wilder Urwald. Alles zugleich.

 

Unter alten, blühenden Bäumen wachsen Krokusse im Moos. Die Wiese ist voller Butterblumen und Gänseblümchen, am Rand stehen Hagebutten und Walderdbeeren. Efeu rankt über das Dach einer windschiefen Hütte, und da, wo das Holz gestapelt ist, wohnen Igel. Auch andere Tiere sind hier zuhause, Eichhörnchen, Schnecken, Singvögel, Insekten, Maulwürfe.Es riecht nachErde und duftet nach Blüten. So muss die Welt wohl ausgesehen haben, damals, als sauberes Wasser nichts gekostet und das Wünschen noch geholfen hat.

 

Geschaffen haben diesen Garten Christine Peetz und ihr Mann Jürgen. Obwohl das Wort „geschaffen“ genau das falsche ist. Denn das Geheimnis dieses Gartens besteht in Wirklichkeit darin, dass die beiden so wenig wie möglich in die Pläne und Launen der Tier- und Pflanzenwelt eingreifen. „Wenn hier jemand etwas erschafft, dann ist es die Natur selber“, sagt Christine Peetz, als sie jetzt mittendrin steht, die Hand über die Augen gelegt wie ein Seemann, der Ausschau hält nach Land.

 

„Die Weide da ist 100 Jahre alt“, sagt sie, die früher einmal Biologie an einer Gesamtschule unterrichtet hat. „Mein Mann nennt sie immer seine Majestät. Und das ist sie ja auch.“ Christine Peetz lacht, ihre Augen leuchten. Sie lacht viel. Und sie erzählt viel, sehr viel, pausenlos eigentlich. Dass der Apfelbaum auch schon 80 Jahre alt ist, dass sie bis heute über die Sorte der Äpfelrätselt, die halb wie Gala, halb wie Boskop schmecken, süß und wunderbar, dass auf der knorrigen Pflaume ein Schwefelpilz lebt, der sich dann und wann zeigt und eine knallgelbe Farbe hat. „Man sagt, dass ein Baum, an dem so ein Pilz wächst, dem Tod geweiht ist“, sagt sie. „Aber der hier lebt damit schon seit vielen Jahren.“

 

Jürgen Peetz, Jurist, redet nicht weniger. Und so sprudelt stets ein Fluss von Worten durch diesen Garten und dieses Haus, von Ideen und Fragen, die sofort wieder neue Ideen und Fragen aufwerfen und immer so weiter. Als wäre nichts jemals egal oder langweilig. Das Wort Energie, hier ist es zuhause. Allerdings reden sie nie beide gleichzeitig. Immer nur einer, so will es eines der Gesetze, ohne die auch ein Paradies nicht auskommt. So gut, wie sie beide erzählen können, können sie auch zuhören. 

 

Und weil sie sich ständig Gedanken machen über Gott und die Welt und die Menschen darin, ist auch dieser Garten nicht einfach nur romantisch verwildert. Da steckt mehr dahinter. Die Überzeugung nämlich, dass alle Lebewesen ein Recht haben, auf der Welt zu sein. Nicht nur die, die dem Menschen gefallen. Nicht nur die, die ihm nützen. „Für mich gibt es kein Unkraut“, sagt Christine Peetz, „und ich finde das Wort auch falsch, ganz falsch. Wir können uns als Menschen nicht herausnehmen, Pflanzen oder Tiere bedenkenlos zu töten, nur weil wir der Meinung sind, andere wären schöner. Nein, nein. Für mich ist das hier kein Unkraut, das sind alles Wildkräuter.“

 

Aus Brennesseln, Bärlauch und Löwenzahn kocht sie manchmal Suppe. Sie pflückt die Früchte von den Bäumen, in diesem Jahr scheinen sie gut zu tragen. Die Hagebutten holen sich die Vögel, die Schnecken fressen sich durch Blätter, die Spinnen fangen Fliegen, die Elstern holen sich die Spinnen, und wenn sie nicht aufpassen, fängt sie selbst ein Habicht oder eine Katze. „So ist der Kreislauf der Natur“, sagt Christine Peetz, „darin hat alles seinen Platz und seinen Sinn.“ 

 

Als sie diese These vor Jahren einmal einer Schulklasse vortrug, fragte einerihrer Schüler, wo darin dennZecken vorkommen. Für wen oder was die wohl gut und wichtig sein könnten. „Darauf wusste ich erstmal keine Antwort“, sagt Peetz, „aber ich hab dann gesagt, dass sie schon ihren Sinn und ihre Aufgabe haben werden. Nur weil sich uns etwas nicht auf den ersten Blick erschließt, heißt das ja nicht, dass es tatsächlich sinnlos oder überflüssig ist.“ 

 

 

"Für mich ist das hier kein Unkraut, für mich sind das Wildkräuter. "

Christine Peetz Paradies-Bewohnerin

 

Achtsam wollen sie sein, einfach leben. Was eigentlich ein schlichtes Vorhaben ist. Aber auch das betrachten sie immer wieder neu – in etwa so, wie man ja auch mit dem Lesen nicht fertig ist, nur weil man ein einziges Buch gelesen hat. Deshalb fährt Jürgen Peetz, so oft es geht, an die Hildesheimer Universität, um hier als Gasthörer an Vorlesungen teilzunehmen. Philosophie, Theologie, alles, was Werte und Normen behandelt, interessiert ihn brennend.

 

„Darauf gekommen bin ich, als ich zur UNO wollte“, sagt er. Deshalb wollte er nach einer Anwaltskarriere noch einmal studieren: Friedens- und Konfliktforschung. Als Grundlage musste er seine Teilnahme an einem Seminar aus dem sozialen Bereich nachweisen – und wurde zum Gasthörer, dem es im akademischen Umfeld plötzlich so gut gefiel, dass er blieb.

 

Sein soziales Engagement verlagerte er einfach und meldete sich bei der Caritas, um hier geflüchteten Frauen Nachhilfe in Alltagsdeutsch zu geben. Eine Erfahrung, die ebenfalls neue Erfahrungen nach sich zog, neue Freundschaften, neueWünsche. Peetz fand sich plötzlich in einer Atmosphäre der Vielfalt wieder, geprägt von lauter verschiedenen Sprachen und Gebräuchen, Erfahrungen und Geschmäckern. „Plötzlich waren da Menschen aus Lettland, aus Syrien, aus Marokko, und sie alle brachten Geschichten mit aus ihren Kulturen, die wir so noch nicht kannten. Unheimlich spannend war das“, sagt Jürgen Peetz.

 

Spannend ist es bis heute geblieben: Peetz legt den Arm um seine Frau, als er erzählt: von Maria, einer jungen Frau aus dem Iran. „Wir haben sie zu uns eingeladen, sie war für ein Wochenende hier, und sie hat bei uns Fahrradfahren gelernt, denn das kannte sie vorher nicht“, sagt er, und erst, als er ausgesprochen hat, sagt Christine Peetz: „Jetzt studiert sie Elektrotechnik in Leipzig. Und wir stellen uns immer vor, wie sie mit dem Fahrrad zur Uni fährt.“ 

 

Mit Menschen wie Maria zusammenzukommen, die ähnlich offen sind wie sie selbst, das hat die beiden auf die nächste Idee gebracht: In ihrem Paradies und in ihrem Haus fanden, bis Corona es unterbrach, regelmäßig Nachmittage statt, an denen alle um eine große Tafel herumsaßen: Zehn, zwölf Leute, die essen, plaudern, Geschichten aus der ganzen Welt erzählen. „Aber immer nur einer“, sagt Christine Peetz da tatsächlich, „und die anderen hören zu.“

 

Keine öffentlichen Treffen sind das, sondern private. Aber Gäste sind gern gesehen. Und wenn Kinder dabei sind, umso besser. Die können im Garten spielen, unter den Bäumen. „Die können ruhig überall hin und alles anfassen und ausprobieren“, sagt Christine Peetz, „der Garten ist ja kein Museum.“ Hinter dem Haus haben sie auch einen Sandkasten angelegt, sogar mit Muscheln darin.

 

Zwei Dinge allerdings, auch so ein Gesetz hier, muss jeder mitbringen: ein Talent und Zeit. Das Talent, um etwas beizutragen, ein Essen, ein Gedicht, Musik, einen Tanz, ganz egal. Und Zeit, um die anderen kennenzulernen. So ein Treffen darf man nicht einfach mittendrin unterbrechen. Aus Respekt vor den anderen, aber auch vor der Sache. Die muss man richtig machen, nicht halb. 

 

So ein Austausch hält die beiden jung. Es ist ein spätes Anknüpfen an die Jahre des Reisens und der Abenteuer, die die beiden miteinander oder allein in viele Länder der Welt geführt hat. „Unsere Tochter hat in China studiert, da hab ich sie natürlich besucht“, sagt Jürgen Peetz. „Leider musste ich in ein Hotel, das ging nicht anders.“ Lieber wäre erirgendwo bei Leuten untergekommen, bei einer Familie oder im Studentenheim, mittendrin jedenfalls. „So habe ich das auf Reisen sonst immer gemacht“, sagt er, „in einem Hotel war ich so gut wie nie.“

 

Eine tolle, wilde Zeit. So wie damals in Westberlin, wo Christine und Jürgen Peetz gemeinsam hingingen, er studierte, sie machte ihr Referendariat. Mitte der 70er Jahre war das. Sieben Jahre lang haben sie dort gelebt, dann sind sie 1983 nach Hildesheim zurückgekommen. So richtig war die eingemauerte Großstadt doch nichts für sie. „Wir waren ja auch sehrisoliert dort“, sagt Christine Peetz. „Unsere Familien und viele Freunde waren hier, und wenn wir sie besuchen wollten, bedeutete das jedes Mal endlose Kontrollen an den Grenzen. Ach, diese Grenzen, diese furchtbaren Kontrollen!“

 

Dann lieber kleiner, aber dafür frei. Die beiden zogen nach Gronau, bekamen zwei Kinder, bauten dieses Haus, diese kleine Gartenhütte aus Holz, diesen Sandkasten. Und sie gingen mehr und mehr ihren Ideen von einem guten Leben nach. Was einfach klingt, braucht allerdings manchmal Verständnis und Hilfe. „Normalerweise würde man so alte Bäume nicht stehenlassen“, sagt Jürgen Peetz über die Weide, seine Majestät. „Man würde sie fällen und diese Entscheidung als vernünftig bezeichnen.“ 

 

Weil er das aber keineswegs vernünftig findet, ist er froh, dass er den Baumpfleger Jaschinski in seiner Nähe hat, der ihm immer wieder hilft, auch die morschesten Äste noch abzustützen und die Bäume so lange wie möglich zu erhalten. „Sie arbeiten ohne Motorsägen, man glaubt es nicht“, sagt Peetz. „Wir sind sehr froh, dass wir diese Jungs haben. Die Bäume können hier greise werden.“ 

 

Bis es für sie selbst soweit ist, ist noch viel Zeit. Für die Christine und Jürgen Peetz auch schon jede Menge Ideen und Pläne haben. Als Internationales Friedenhaus wollen sie ihr Zuhause etablieren und noch mehr öffnen für die, die kommen wollen. Sie wollen mit Kindern aus Baumrinde Schiffe bauen, wollen mit ihnen Muschelsandkuchen backen und Äpfel pflücken. Sie wollen Geschichten hören und Geschichten erzählen, immer nur einer, versteht sich. 

 

Sie wollen Walderdbeeren ernten, von denen Christine Peetz sagt: „Die muss man pflücken und sofort essen, die sind nichts zum Aufheben. Gleich essen, am besten mit Vanilleeis.“ Sie wollen ihre Idee weitergeben, dass die Natur schon funktioniert, wenn die Menschen sie lassen. Dass sie ihren eigenen Klang hat, ihr eigenes Gleichgewicht. Und sie wollen herausfinden, endlich, was Zecken so einzigartig macht. 

 

Text: Kathi Flau

Fotos: Chris Gossmann

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